Zeitzeugen berichten
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"Ich ging lieber turnen,
als Hausfrau zu werden"
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Turnveteranin Elly Zschau

Die Trommelball- "Frauschaft"
des TSV Vorwärts Leipzig-Süd,
die 1924 Landesmeister des
Arbeiter- Turn- und Sportbundes
wurde

Die fast 100-jährige Elly Zschau aus Zehdenick erinnert sich an das
1. Deutsche Arbeiter-Turn- und Sportfest 1922 in Leipzig.
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Was gab es seinerzeit für Turngeräte?

Bereits vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg lud der Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) zu einem Turnfest ein: zum ersten dieses Verbandes.

Und natürlich nach Leipzig, denn hier hatte der ATSB seinen Sitz. Mein Vater Richard Koppisch war sogar Bundesturnwart. Deshalb zogen wir auch 1907 von Berlin nach Leipzig, nachdem er in Köln in dieses Amt gewählt worden war.

Ihre sportliche „Karriere“ begann also bereits in Leipzig.

Ich gehörte schon als Kind zum Sportverein Leipzig-Süd in Connewitz, habe hier vor allem Gerätturnen betrieben.

Was gab es seinerzeit für Turngeräte?

Der Stufenbarren war damals noch nicht in Mode. Wir turnten am Stützreck, an der Wippe oder an der Sprossenwand und sprangen über den Bock. Leichtathletik habe ich auch ein wenig gemacht. Vor allem Weitsprung lag mir. Meine Bestweite betrug damals 4,62 Meter.

Wie oft in der Woche gingen Sie zum Sport?

Fast täglich. Montag und Donnerstag stand Allgemeines Turnen auf dem Programm, Dienstag und Freitag war Vorturnertag. Leichtathletik war nicht so eng geregelt. Das hing davon ab, wie man Zeit hatte und der Platz frei war. Und dann machten wir noch viele Turnspiele.

In welchen Disziplinen starteten Sie dann beim Turnfest 1922?

Im Siebenkampf, der bestand aus zwei Turngeräten mit Pflicht- und Kürübung, außerdem Laufen, Ballweitwurf und Weitsprung. Ich wurde mit 125 ½ Punkten Vierte unter 246 Teilnehmern und erhielt dafür ein Diplom.

Ein undankbarer Platz. Ist man da nicht ärgerlich?

Überhaupt nicht. Ich war froh, unter die ersten Zehn gekommen zu sein. Das war mein Ziel. Den Ehrgeiz, zu den drei Besten zu gehören, besaß ich nicht. Meine Schwäche war der Lauf. Wer hätte denn schon gedacht, dass es sofort losgeht, wenn der Startschuss fällt? Ich hatte ja kein Spezialtraining im Sprint.

Trugen Sie damals noch Kleider oder schon Hosen zum Sport?

Nach meiner Erinnerung haben zu den Freiübungen alle einheitlich Blusen und Röcke getragen, zu den Wettkämpfen durften auch wir Frauen kniefreie Hosen anziehen. Das ging auch auf einen Vorstoß meines Vaters zurück. Die Hosen waren blau und die Trikots weiß.

Mussten Sie sich die Dresse selbst kaufen?

Vorm Turnfest nicht. Da bekamen wir sie vom ATSB gestellt. Wenn sie nicht passten, wurden sie sogar geändert. Hinterher gaben wir die Sachen gewaschen oder gereinigt zurück. Denn sie sollten nun an Interessenten verkauft werden.

Und Sie haben sich sicher Ihr Trikot gekauft?

Ja, ich habe es für wenig Geld bekommen. Es hat mir sehr gut gefallen. Wenn man später in den Sachen steckte, fühlte man sich plötzlich wieder wie beim Turnfest.

Erinnern Sie sich noch an die allgemeinen Freiübungen?

Ja, sie bestanden aus Arm-, Bein- und Rumpfbewegungen. Sie fanden dort statt, wo heute das alte Messegelände ist. Doch als alle auf dem Platz standen, ging ein gewaltiger Regenguss nieder. Nach der Übung kam dann das Signal: „Abmarschieren!“, aber keiner ist marschiert. Alle sind gerannt, um sich trockene, warme Sachen überzuziehen.

Nahmen Ihre Eltern damals Turnfestgäste auf?

Natürlich. Wir hatten einen ausgebauten Boden in dem Haus, wo wir wohnten. Dort schliefen während der vier Tage 20 Sportler, verteilt auf zwei Kammern – eine für die Frauen und eine für die Männer. Wir hatten gut gepolsterte Strohsäcke ausgelegt. Meine Mutter hat sie auch alle versorgt und bekocht. Die Leute kamen aus allen Ecken, beispielsweise aus Cottbus und Eisenach. Daraus entstanden dann später oft lange Verbindungen.

Wie war das Fest finanziert worden? Gab es nicht Fördergelder für einzelne Vereine?

Nach Aussagen meines Vaters hat die Arbeiterturnerschaft keine finanziellen Zuschüsse vom Staat erhalten. Die bekamen nur bürgerliche Vereine. Deshalb hat der Arbeiter-Turn- und Sportbund Sparmarken eingeführt. Mit dem Kauf dieser Marken, die – soviel ich noch weiß – 50 Pfennige kosteten, gestalteten wir dann unser Turnfest aus. Wir waren mit heller Begeisterung bei der Sache ...

Waren Sie damals schon verheiratet?

Nein, davor habe ich mich gedrückt. Denn ich wusste, wenn ich erst mal verheiratet bin, bin ich zu Hause. Das war so üblich. Ich habe lieber geturnt, als Hausfrau zu werden. Als Turnerin war ich auch gegen Schmuck, habe keine Ringe getragen. Denn die Verletzungsgefahr war zu groß. Geheiratet habe ich erst 1930, da war ich schon 28.

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